Es ist nun 4,5 Jahre her, dass ich Deutschland verlassen habe.

Und damit auch die folgenden Dinge:

  • Einen festen Arbeitsplatz mit festem Einkommen
  • Geschätzte Kollegen und eine großartige Chefin
  • Eine soziale Organisation, hinter deren Mission ich zu 100% stehe und die sich wie Familie anfühlt
  • Freunde, die für mich da sind und mit denen ich Gemeinsamkeiten teile
  • Eine jahrelang vertraute Umgebung
  • Gepflogenheiten, die ich selbstverständlich nutze und verstehe

Vor 4,5 Jahren seit meinen Aufbruch habe ich all diese Sicherheiten hinter mir gelassen.

Diesen Schritt zu gehen, war nicht einfach. Besonders weil ich ganz alleine loszog.

Einmal um die Welt – nur mein Surfbrett und ich.

Als ich aber erstmal unterwegs war, konnte ich gar nicht mehr nachvollziehen, wieso ich soviel Angst davor hatte – ich habe die Freiheit unendlich genossen!

Jedoch: Wenn ich heute daran denke, kommt erneut eine kleine Angst in mir hoch: Alles loslassen und los? Wie einfach würde es mir mittlerweile fallen, einen solchen Schritt erneut zu wagen?

Und was sagt das über meinen jetzigen Zustand aus?

Bin ich wieder in der „Normalität“ angekommen?

Machen wir einen kurzen Check:

  • Einen festen Arbeitsplatz mit festem Einkommen –> Check!
  • Geschätzte Kollegen und eine großartige Chefin –> Glücklicherweise check!
  • In einer sozialen Organisation, hinter deren Mission ich zu 100% stehe und die sich wie Familie anfühlt –> Check! Etliche Ereignisse wie Residency oder Autounfall wäre ohne den Support dieser Menschen soviel schwieriger.
  • Freunde, die für mich da sind und mit denen ich meine Gemeinsamkeiten teile –> Check! Ich habe Freunde hier gefunden, die für mich da sind und für die ich da sein kann. Meine Community um mich herum ist ebenso supportive ohne Ende, auch wenn die Gemeinsamkeiten mittlerweile gar nicht mehr so wichtig sind, sondern eher die zwischenmenschlichen Gespräche.
  • Eine jahrelang vertraute Umgebung –> Check! Ich habe meine Umgebung hier das erste Mal vor 4 Jahren kennengelernt – nach etlichem Hin- und Rück und fühlt sich dieser Ort bekannt und Zuhause an. Die Permanent Residency ist übrigens seit Februar diesen Jahres ebenso eingetütet! D.h.: Ab sofort habe ich eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis für Neuseeland, die niemals erlischt. Bis Februar 2019 konnte ich nur eine bestimmte Anzahl an Monaten weg.
  • Gepflogenheiten, die ich selbstverständlich nutze und verstehe –> Halb Check! Die meisten Umgangsweisen verstehe ich, wobei ich mit manch anderen immer wieder aufs Neue verblüfft werde bzw. auch nicht immer einverstanden bin. Aber: Grundsätzlich ist man Teil des Ganzen.

Holy Mother! Bin ich etwa wieder Teil des Systems und habe meine Freiheit verloren?

Mein Berg an Rechnungen und Papierkram, den ich gestern stundenlang auseinander gezwirbelt habe, deuten ganz darauf hin!

HILFE! ICH HABE ANGST!

Die Tatsache, dass ich nun auch noch mein Surftherapie-Projekt Wavewise aufbaue, machen die Ganze Sache nicht unbedingt flexibler!

Also nochmal: Bin ich etwa erneut gefangen? Nur auf der anderen Seite der Welt?

Natürlich ist der größte Unterschied zu meiner „Normalität“ in Deutschland: Das Meer und der Surf. Das ist also schonmal grundlegend unterschiedlich. Und nach wie vor kann ich mir ein Leben ohne nicht vorstellen, denn es macht mich immer noch glücklich:

Photocredit: Sheree Cargill Photography & Photo Patch Ltd

Aber wie sieht es mit dem Rest aus?

Wie sich die Normalität ganz langsam an dich ran schleicht…

Die Normalität ist ein cleveres kleines Gnom-Mädchen, das hinterlistig immer wieder um die Ecke schaut und deine deine nächsten Schritte beobachtet. Hier und da wirft sie dir einen kleinen Keks hin (der verdaaaaammt lecker schmeckt) und macht dich langsam wieder abhängig. Die Kekse sehen ganz unterschiedlich und kunterbunt aus:

  • „Schau mal, du kannst dir ein kleines Gärtchen pflanzen!“
  • „Ach guck hier – Ist das Bett, in dem du jede Nacht schläfst, nicht ein Träumchen?“
  • „Oh, du kennst die besten Bedingungen für deinen Home-Surfspot? Nicht schlecht!“
  • „Hach, schon ganz schön zu wissen, dass alle zwei Wochen wieder Gehalt ins Haus kommt ne?“
  • „Schau mal, die Menschen mit denen du abhängst lernen dich besser kennen und ihr seid füreinander da!“
  • „Ach schau an, du bist mittlerweile anerkanntes Mitglied im Surfclub und Teil der Südinsel Surf Association und organisierst fleißig mit – Na das fühlt sich doch gut an, oder?“
  • „Aaaach ist das schön, deine eigenen vier Wände zu haben ganz für dich alleine?“

Und dann kommen da aber diese kleinen Biester, die dir deine leckeren Kekse aus der Hand reissen und hämisch lachen:

  • „Ach übrigens: Die Stromkosten werden erhöht und die Müllabholung kostet 5$ pro Sack…“
  • „Reisen? Ja, aber finanziell müssen wir erstmal wieder sparen ne? Und jemanden finden, der unsere Miete in der verreisten Zeit deckt, ne? „
  • „Flüge? Hin- UND Rückflug nicht vergessen… One-Way-Tickets ist erstmal nicht mehr!“
  • „Haha, wir leben in einer Kleinstadt – dein Geheimnis ist mein Geheimnis!“
  • „Nee nee, wir lernen jetzt erstmal Niemanden kennen, wir müssen uns um unseren Haushalt kümmern, uns um unsere sozialen Kontakte kümmern und in der Community helfen… nicht vergessen!“
Und plötzlich hat sie dich wieder (fast) im Griff!

Ich vermisse die Zeiten, in denen ich frei täglich entscheide, wo es als nächstes hingeht!

Aber: Ich genieße das gemeinsame Abhängen und Scheisse reden bei Surfcomps.

Ich vermisse es, neue Surfspots zu entdecken und über nichts anderen nachdenken zu müssen als den Surf-Forecast!

Aber: Ich schätze es, Menschen um mich zu haben, die mir ein Leben nahe den Wellen UND menschlichen Support ermöglichen.

Ich vermisse es, meinen Tagesrhythmus an den der Gezeiten auszurichten.

Aber: Ich genieße es, ein Surftherapie Projekt aufbauen zu können und zu sehen, wie dieses Baby wächst und bedeutsam ist.

Ich genieße meinen freien Freitag und dass ich unbezahlten Urlaub bekommen kann, wenn ich ihn brauche (auch wenn das weniger Geld bedeutet – aber: Die Freiheit nehme ich mir!)

Ich genieße es, dass ich meinen besten Freunden aus Deutschland eine schöne Unterkunft in Wellennähe bieten kann, wenn Sie mich besuchen kommen.

Ich genieße es, dass ich trotz eines Jobs nach der Arbeit in die Wellen springen kann.

Ich genieße die endlos schöne Natur um mich.

Die fette Ohrfeige mitten ins Gesicht – über den Wipe Out, der alles wieder in Relation bringt

Am meisten aber genieße ich, dass ich das alles überhaupt kann, weil: Ich gesund bin!

Ich habe einige Tage damit verbracht, zu verstehen, was mir letzte Woche passiert ist und wieso es mich so mitgenommen hat. Für diejenigen, die es auf Social Media nicht mitbekommen haben – hier ein kleines Update:

Auch wenn ich auf dem Bild relativ amüsiert aussehe – der Schock saß ordentlich und die Zeit nach dem Unfall war intensiv. Zwei Tage lang war mir nur zum Heulen zu Mute und arbeiten ging die darauf folgenden Tage auch nicht – die Probleme anderer Leute konnte ich mir als Sozialpädagogin in der Woche nicht anhören.

Bei Tag hier nochmal ein deutlicheres Bild:

Zum Glück bin ich komplett unversehrt – eine Sekunde später und ich wäre Matsch!

Ich glaube fest daran, dass alles was uns passiert, eine Lektion des Lebens ist.

Nur welche Lektion will mir das Leben damit eigentlich mitteilen? Ist es:

  • A) Geh wieder zurück nach Deutschland – du brauchst deine Familie und Freunde und sie dich, vor allem in solch schweren Zeiten.
  • B) Die „Normalität“ hat ihre Vorteile und hilft hat dir in turbulenten Zeit über die Runden – schätze sie mehr.
  • C) Lass die Normalität nicht Überhand gewinnen – vergiss nicht, deinem Herzen weiterhin zu folgen und die Welt zu entdecken.
  • D) Genieß das Hier und Jetzt – einfach machen und alles andere ergibt sich – die Wellen werden den Weg weisen – wie immer.
  • E) Etwas ganz anderes!?

Auch wenn ich immer noch nicht aller Lektionen in diesem Fall bewusst bin, EINE Lektion dieses Wipe-Outs ist mir zu 100% klar:

Du bist am Leben – sei dankbar!

Ich bin dankbar gesund zu sein – mit all dem Gefühlswirrwarr und der Unwissenheit, wie mein Leben weitergehen soll/wird/kann.

Das letzte halbe Jahr war „normaler“ denn je seit meinem Aufbruch – feste Strukturen, wenig Roadtrippen und hauptsächlich Arbeit, denn der Aufbau meines Surfprojektes Wavewise hat nichts anderes zugelassen. Genuss und „TakeOffandTraveln“ wurde nicht all zu viel Raum gelassen.

Deshalb entscheide ich mich vorerst mal für eine Kombo aus Lektion B, C und D und lege den Fokus im neuseeländischen Winter auf das Aufladen meiner Batterien und vor allem meines Geldbeutels (das Auto hat erstmal ein Loch in den Reisesparstrumpf gerissen).

Ich werde mir Zeit nehmen, Wavewise zu evaluieren/planen und ich möchte euren Sommer mit Content auf TakeOffandTravel versüßen. Kleine Vorschau: Der ein oder andere Spartipp für die nächsten Reisen wird sicherlich auch dabei sein…

Wie „normal“ kann ein Leben denn nun tatsächlich nach einer Surf-Weltreise noch geführt werden?

Wie ihr seht, braucht es manchmal eine ordentliche Backpfeife vom Leben, um uns auf den Boden der Tatsachen zurückzubringen!

Denn ganz ehrlich: Ich glaube, dass Menschen, die eine Langezeit-Reise hinter sich haben und einmal den Duft der vielen Möglichkeiten geschnuppert haben, nur schwer einfach stillsitzen können.

An meinem Beispiel sieht man: Wieso konnte ich nicht einfach entspannt in Neuseeland verweilen, mich ab und zu meinen Hintern kratzen und einfach nur Surfen? Wozu muss ich eine soziale Organisation auf die Beine stellen?

Photocredit: Sheree Cargill Photography & Photo Patch Ltd

Kann man denn nicht einfach die „Normalität“ genießen und sich einfügen?

Doch, man kann. Für eine ganze Weile. Das ging für mich zwischendurch immer wieder ganz gut und ich habe es immens genossen.

Aber ich werde nicht lügen: Nach einer Weile „Normalität“ sind sie wieder da – die Hummeln im Arsch!

Ob das irgendwann mit den Grundprinzipien zusammenkommen kann, an die man seit Kindheit geglaubt hat, weiß ich nicht: Wie geht das mit einem „Partner fürs Leben“ einher, dem Eigenheim, den eigenen Kindern, der Sicherheit…

Ich bin mir nicht allzu sicher!

Denn die Freiheit, die man durch das Reisen genießt, brennt sich tief ein und wird zum Manifest! Eine Tatsache, die ich nicht missen will!

Aber: Wie soll man sich danach etwas anderes vorstellen, als diese Freiheit zu wahren?

Ich persönlich glaube, dass es wie immer um Balance aus allen Lektionen geht – auf dem Surfbrett und im Leben:

Genieße die Vorteile der „Normalität“ (B), aber verlier dich nicht in ihr und folge mindestens ebenso sehr deinem Herzen (C). Bis dahin: Genieß das Hier und Jetzt und sei dankbar. Die Wellen werden den Weg weisen! (D)
TakeOffandTravel!

Wie es weitergeht? Who knows! Aber: Ich nehme euch weiterhin auf dem Surftrip meines Lebens mit:

 

Ist ein „normales“ Leben nach einer Surf-Weltreise noch möglich?

Ein Gedanke zu „Ist ein „normales“ Leben nach einer Surf-Weltreise noch möglich?

  • 20. Mai 2019 um 15:17
    Permalink

    Liebe Pana,
    wir sind jetzt fast drei Monate auf Reisen in Indonesien und haben das große Glück noch den Rest unseres Lebens mit Reisen zu verbringen, wenn wir das möchten. Deine Gedankengänge sind für mich Inspiration auch über die ein oder andere Frage nachzudenken und nicht das alles als einfach selbstverständlich hinzunehmen. Wenn uns unsere Reise dann bald nach Neuseeland verschlägt, möchte ich mich gerne mit Dir treffen, so dass wir unsere Gedanken austauschen können und eventuell neue Ansätze für Antworten finden. Bis dahin: pass auch Dich auf, genieße jeden Tag, widme Dich den Dingen, due DIR wichtig sind und lass mir noch ne Welle über 😉 Liebste Grüße , Stef aka originalpower.de (IG)

    Antworten

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